Gemeinsam Schönes entdecken, lesen, schreiben, ohne Häme, ohne Kritik, das ist unser Anliegen. Ich werde in Euren Beitragen nichts ändern oder korrigieren, denn keiner soll sich kontrolliert fühlen. Viel Freude am Schreiben und Lesen FvB

#Ottilie Krafczyk



...ist nicht mehr unter uns.
Obwohl die Schmerzen oft übermächtig waren
schrieb sie immer noch in den Blogs im Seniorentreff,
zeigte sich in Emails und auch am Telefon optimistisch.

Ich bin traurig, verband uns doch 
seit 8 Jahren eine schöne Freundschaft.
Eine wunderbare Frau, 
die immer ihr Leben angepackt hatte,
egal, wie es auf sie zukam.


Ein Mensch, zu früh gegangen,
für uns klingt nach ihr Wort,
lebendig, stets voll Hoffnung.
Sie ist nicht wirklich fort.

Wir danken für die Stunden,
die du mit uns verbracht,
geredet und geschwiegen
und gerne froh gelacht.

Lasst einen Kreis uns bilden,
und sie ist mittendrin.
Wir sahen Jahre weichen,
erfragen Todes Sinn,

der oft so unvermittelt
zu früh uns Freunde raubt.
Nur der kann Antwort finden,
der an ein Jenseits glaubt.

Die Zeit, sie schließt die Wunden,
doch heilt sie diese nicht,
denn leisestes Erinnern
macht, dass die Wunde bricht.

floravonbistram

Ich werde Dich und Deine liebevollen Emails so sehr vermissen.

Danke für Deine Freundschaft



Immer wieder las ich ihre Geschichten und riet ihr,
darüber ein Buch zu schreiben,
was sie alles erlebt hatte.
Viele Freunde aus dem Seniorentreff
unterstützten sie bei dem Gedanken 
und endlich, zu ihrem 80. Geburtstag
machte sie es wahr.
Mehr dazu in den Nachrufen




Ich setze hier die Links zu ihren Nachrufen ein.





...und hier noch ein Zeitungsartikel über sie

Zeitungsartikel über Tilli

Das ganz normale Leben?




Was für eine Drängelei. Jochen hielt in beiden Händen bereits mehrere Einkaufstüten, die Ingrid ihm bereitwillig überlassen hatte, wie sie es nannte -  er hätte es aufzwingen genannt.
„Sieh doch nur!“ flötete die ihm noch Angetraute, zeigte wieder in ein Schaufenster, an dem er am liebsten sofort vorbeigehetzt wäre. Er nickte und dachte nur an sein Auto, ach nein, das Leihauto auf dem Parkplatz ohne Schatten, in dieser Stadt, die ihm heute auch völlig schattenlos vorkam, denn die Sonne brannte, sobald man ins Freie trat, die Kopfhaut glühte, die Ohrläppchen waren sicher schon verschmort, denn er hatte seine Kappe im Wagen liegen gelassen.
Wessen Idee war das eigentlich gewesen, das vollklimatisierte Haus in Los Monteros, dicht am Meer zu verlassen, um eine Shoppingtour durch Marbella zu machen? Seine doch bestimmt nicht und was hatte ihn geritten, dem auch noch zuzustimmen?
Schon die Urlaubsplanung war der größte Blödsinn gewesen, denn die Ehe bestand nur noch auf dem Papier. Aber nein, man wollte ja unbedingt in Freundschaft auseinender gehen, hm, war auch nicht sein Wunsch gewesen, doch wie immer hatte er nachgegeben.
Dieses wie immer wühlte in ihm, ja, wie immer latschte er hinter der Kaufsüchtigen wie ein Lakei her, schleppte ihre Klamotten, schwitzte sich einen Wolf und musste sich auch noch immer wieder in die Ohren kreischen lassen:“Ach, sieh doch nur…!“
So hatte es auch begonnen, denn dieser -  nun bis zum Erbrechen oft gehörte - Satz  war der Beginn seiner ganzen Lebensniederlage.
Bei diesem Satz, bekam er, als er ihn das erste Mal hörte, eine fette Ohrfeige, sicher nicht beabsichtigt, denn Ingrid holte mit weiter Geste aus, um ihrer Begleiterin einen See zu zeigen, der verträumt zwischen Weiden und Gebüsch in der untergehenden Sonne funkelte und ihre Rückhand traf ihn, der im gleichen Moment mit seinem Hund aus dem Gebüsch, hinter dem sich ein schmaler Trampelpfad verbarg, trat.
Von der Wucht völlig benommen spielte sich nun ein völlig neues Leben für ihn ab, denn ehe er sich wieder erholt hatte, war er auch schon mit der Schlaghand, nein, natürlich mit der daran hängenden Frau verheiratet.
So kam es ihm auf jeden Fall jetzt in der Rückschau vor. Wie alles wirklich verlief, hm, konnte er sich wirklich nicht mehr an schöne Zeiten erinnern? Er hatte viel gearbeitet, immer ein gutes Händchen für Geschäfte gehabt, Haus, Autos, Ferienhaus, alles kam mit den Jahren, schneller, als gedacht, nur ein Kind, das er sich so sehr wünschte, blieb ihnen versagt, nein, falsch, nicht ihnen, sondern ihm, denn sie wollte keins.
„Mausebärchen, wir haben doch noch Zeit, lass uns erst mal genießen, was wir haben“, zwitscherte sie die ersten Jahr, dann: „ Haben wir es denn nicht schön? Ich glaube, ich könnte gar nicht damit umgehen, denn Kinder sind so laut und immer schmutzig….“.

Auf jeden Fall wurde ihm bewusst, dass er sich immer wieder hatte lenken und manipulieren lassen, sich immer nur halbherzig aufgelehnt hatte, um dann eines Tage zu erfahren:
„Ach Schatz, wir sollten uns scheiden lassen, bei uns ist die Luft raus, aber wir wickeln alles in aller Freundschaft ab, lief doch immer alles gut…!“ Bla, bla, bla!
Er atmete durch, der Schweiß lief ihm in die Augen, mit dem Handrücken wollte er ihn abwischen, dabei riss der Henkel der Edelpapiertüte mit dem Superlogo und es rutschten gleich zwei Bikinis und ein Pareo heraus und schon lagen sie hübsch anzusehen in dem Tagesstaub des Gehsteigs.
„Jooooochen!“
Ich bekomme gleich einen Tinnitus, wenn sie mir noch mal in das Ohr schreit, schoss es ihm durch den Kopf.
„Kannst du denn nicht aufpassen? Nun heb sie schon auf oder soll das da liegen bleiben, ich gehe inzwischen hier rein, die haben ja soooo schöne Kleider!“ Sie sprach es und entschwand.
Da stand er und lachte laut los. ´Ich Idiot, ich alter Trottel, ich bin doch selber schuld. Wieso lasse ich das eigentlich schon 12 Jahre mit mir machen? Das ist jetzt vorbei, aus und vorbei`.
Immer noch lachend ging er durch das kleine Portal des bekannten Ladens, rief kurz, aber sehr laut: „Ingrid!“ und schüttelte, als sie sich umdrehte, den Inhalt aller Tüten auf den Boden, warf den Auto- und Hausschlüssel sowie das Mäppchen mit den Papieren hinterher, rief noch ein fröhliches:“Schönen Urlaub noch“ und verließ pfeifend den Tempel mit den zu Marmor erstarrten Figuren, die ihm form- und gesichtslos in ganz kurzer Erinnerung blieben, denn schon an der nächsten Straßenecke stand ein Taxi, mit dem er sich in ein ganz normales Strandhotel fahren ließ, um dort, fern ab von jedem Schicki - Micki einen Urlaub zu verleben, Urlaub, wie er ihn schon ewig nicht mehr hatte, voller Entspannung, schäkern am Strand, Sangria und Paella und dem Bewusstsein, zu leben - das ganz normale Leben zu leben.


floravonbistram


Es war im April



Tag  für Tag saß der kleine Vogel auf einem nackten Ast seines Lieblingsbaumes und schaute in den Himmel, ob wohl endlich die Sonne scheinen würde. Er wartete jeden Tag vom Morgen bis er zum Abend, bis er von all seiner Sehnsucht ganz müde wurde. -  Dann steckte sein Köpfchen schon am frühen Nachmittag  in sein noch dichtes Winterfederkleid, um einen kleinen Vogeltraum vom Frühling zu träumen.

Nun war schon wieder ein gutes Drittel des Monats vorüber, jedoch jeden Morgen, wenn er die Augen öffnete, sah die Welt wieder so grau aus, wie an allen anderen Tagen.

Das schmerzte den kleinen Vogel so sehr, dass ihm alle seine Lieder, die er so gerne singen wollte, immer mehr aus dem Gedächtnis entschwanden und er schließlich ganz traurig sein Köpfchen hängen ließ.

Was war denn nur passiert in dieser Welt? - Sie war so anders geworden. Immer noch suchte er angestrengt nach Futter, wovon sonst in dieser Jahreszeit stets schon reichlicher vorhanden gewesen war, und er dachte, wenn nicht viele Menschen an sie, die über Winter geblieben waren, gedacht hätten, dann wäre wohl mancher von ihnen verhungert.

Trotzdem aber vermisste er den Frühling sehr, denn er wollte doch schon lange damit beginnen, ein neues Nest zu bauen. - Weil er aber so sehr traurig war, wollte er erst gar nicht damit beginnen.

Eines Tages wachte er wieder auf, schaute in den Himmel und sah etwas mehr Licht als sonst,  und als er hinunter auf den Boden blickte, bemerkte er einen winzigen hellen Tupfer in dem kleinen Rasenstreifen am Haus, an dem sein alter Baum stand.

Er schüttelte sich ein wenig, um gänzlich wach zu werden und flog dann hinab, um sich diesen Tupfer im Gras einmal etwas genauer anzusehen - und dann wusste er plötzlich, dass er so etwas schon einmal in einem der vergangenen Lenze gesehen hatte.

Damals waren es ganz viele weiße Tupfer gewesen, die sich täglich vermehrten und die, wenn die Wiesen voll von ihnen waren, so gerne von
kleinen Kindern gepflückt wurden,  und es fiel ihm auch noch ein, wie eines von ihnen erfreut gerufen hatte: „Schau mal Mutti, alle die vielen süßen  Gänseblümchen!“

As es nun neben dem hellen Blumenköpfchen auf der Erde hockte und sich zu ihm herabneigte, sprach er es gleich mit seinem Namen an und piepte: „Guten Morgen,   liebes erstes Gänseblümchen,“ ich freue mich sehr, dass du da bist. -  Sage mir, bringst du uns denn nun endlich den ersehnten Frühling?“

Das Gänseblümchen schoss vor lauter Freude, so freundlich begrüßt zu werden,  ganz schnell in die Höhe, entfaltete vollends sein gelbes Köpfchen mit seinen feinen weißen  Blütenblättchen und sagte mit ganz zarter Stimme: „ Ja, auch ich bin eines der beliebten Boten des Lenzes. – Wenn du noch ein paar Tage geduldig wartest, wirst du sehen, wie bald dieser kleine Rasenstreifen von allen meinen vielen Geschwistern übersät sein wird.“

Da bedankte sich der  kleine Vogel,  flog schnell wieder zurück auf seinen Ast und zwitscherte aus voller Kehle und voller Lust und Lebensfreude,  sein  erstes helles Lied.

©
Marianne Reepen
      im April 2013




Ich habe Angst

  
Warum habe ich Angst, frage ich mich? Aber es ist die Wahrheit. Mit 82 Jahren spüre ich wieder die Angst. Ich dachte dieses Gefühl werde ich nicht mehr haben. Aber zu viel geschieht zu Zeit in unserer Welt. Das ist doch so weit, sagen meine Freunde, warum hast du Angst Syrien und alle diese Länder sind doch weit weg. Nein, heute ist alles nah. So nah wie der Vorfall der mir vorgestern passiert ist.
Es ist schon sehr früh dunkel .Es war schon nach 21,00 Uhr als bei mir an der Tür klingelt. Ich war im ersten Stock im Zimmer von Bruno. Er war 14 Tage mit Tochter und Schwiegersohn am seinem geliebten Meer. Er erzählte wie schön es war, es war ein gemütlicher Abend als die Klingel uns schrill aus unseren Erinnerungen brachte. Geh zu Balkon und frage wer so spät noch da ist. „ Wer ist da? fragte Bruno. Ein Paket. Ich war erstaunt, das man so spät noch Pakete zustellt. Ich habe wie immer Tulpenzwiebel in Holland bestellt, also dachte ich, es ist halt das Paket. Bruno machte Licht im Korridor und ging nach Unten. Aber da hörten wir schon, dass sehr schnell ein kleiner Lieferwagen weggefahren ist. Komisch dachten wir. Dann kamen die Zweifel ob das wirklich Hermes war, der uns immer die Pakete brachte. Unsere kleine Straße ist nicht so hell. Die Menschen in den kleinen Häusern saßen beim Fernsehen und wir wohnen im letzten Häuschen beim Wald , da könnte man reinkommen und ganz gemütlich uns ausrauben. Wir sind schon so alt, das wäre für Einbrecher leicht uns still zu halten. Es passierte doch schon so was am helllichten Tage, das ein älteres Ehepaar ermordet wurde. Aber ich wollte nicht diese Gedanken zulassen und dachte, vielleicht bringt der Zulieferer das Paket Dienstag. Leider auch am nächsten Tag, kam niemand. Also vielleicht haben wir ein Schutzengel gehabt, dass wir nicht ohne Fragen aufgemacht haben. Wie es auch sei ich habe gestern die Polizei angerufen und von dem Vorfall erzählt. Der Beamte sagte er habe es notiert. Ja, aber man müsste doch älteren Menschen auf solche Methoden aufmerksam machen. Wie es auch sei, man ist in unserer Zeit keine Sekunde sicher.
Trotzdem will ich es für unsere User im ST es publik machen, denn es sind viele ältere Menschen, die alleine wohnen und sie warnen nicht ohne Fragen die Tür zu öffnen.

Ottilie Krafczyk


Freie Fahrt




Fragten die weißen Lilien,
Ob meine Liebe rein!
Ich zeigt' ihnen fromm und fröhlich
Meine Lieder als Bürgeschein.

Schwatzten von meiner Liebe
Die Vöglein dies und das.
Ich hielt ihnen frei entgegen
Meine Lieder als Reisepaß.

Nun lassen es die Lilien,
Die Vöglein still geschehn:
Ich darf mit meiner Liebe
Durch Erd' und Himmel gehn.


Frieda Jung


Lyck war auch die Heimat meines Großvaters

#Schwarze Messe




Züngelst du, heilige Flamme,
Trockenen Zunder zu finden?
Sieh, ich bin dieser Zunder,
Mich dir hinzugeben
Und zu brennen,
Dass ich glaube,
Selber Glut zu sein.
Ach, allein der Glaube
Läßt mich in den Himmel steigen.
Bau ich luftige Schlösser
Auf bröckelnden Felsen?
Dien ich einer Gottheit,
Die mich einst verstößt?
Wie es sei, ich bete an
Und werke ...
Bis das Werk den Tätigen überragt
Und über ihm zusammenbricht,
Den Meister erstickend und begrabend -
Ach, das Feuer erlosch,
Trockener Zunder verbrennt so schnell.
Es gibt nur noch Asche,
In alle Winde gestreut,
Und unsere Herzen gleichen Totenhainen.





Mehr hier: http://www.literatpro.de/lyrik/tilly-boesche-zacharow/schwarze-messe


Unsere Welt von heute !

Wie schwer es ist zu schreiben von Tagen die vergangen sind. Von Tagen voller Grauen und Angst.
In welcher Welt lebt unsere Generation? Unsere Großeltern und Eltern haben den zweiten Weltkrieg erlebt. Ich war noch ein Kind und trotzdem erinnere ich mich noch immer an die Zeit der Angst. Sie haben Hunger und Vertreibung erlebt, es war schlimm, aber sie haben irgendwie überlebt. Nicht Alle, denn es waren ja viele Milionen Menschen die das Leben verloren haben.

Jetzt aber ist Frieden, aber wo ist er ?? der Frieden wenn solche Attentäter frei herumlaufen können.
Diese Tage haben wir, durch die Berichte der Medien, miterlebt. Diese Bilder der Ohnmacht der Opfer, vor den Konzertsaal und anderen Orten der Grauen- taten, bekommt man nicht aus dem Kopf.
Sie haben die jungen Menschen hingerichtet ohne mit der Wimper zu zucken. Und das im Namen von Allah. Viele Moslems der Welt haben es verurteilt, aber was nützt es denen die in solcher Form gestorben sind?
Was können wir tun die einfachen Bürger dieser Welt, Was? Und doch kann man einen Widerstand leisten, die alle Menschen auf dieser Welt vereinen im Kampf, um diesen Menschen keine Waffen Zuliefern. Wer tut es überhaupt und wie bekommen sie die Waffen. Solange es Menschen gibt die aus Geldgier solche gefährlichen Leuten Waffen liefern, wird sich nichts ändern.

So appelliere ich an alle unsere User, schreibt immer und immer wieder von diesen Akten der Gewalt und vielleicht wird die Welt uns erhören.

Alle Politiker dieser Welt müssen dieser Gewalt ein Ende bereiten.

Ottilie Krafczyk




Ahasver - Der Strandderwisch

Man hatte ihr berichtet, dass draußen am Strand ein alter Mann herumliefe, der es verstand, Geschichten zu erzählen. Sie dachte, es könne zumindest nicht schädlich sein, wenn sie – eine Schriftstellerin, der plötzlich jede Phantasie ausgegangen zu sein schien – sich von jemand anderem etwas erzählen ließe.
Sie durchwanderte die Stadt und musste eine stark belebte Verkehrsstraße mittels eines unterirdischen Tunnels unterqueren. Dieser Weg war bekannt als „Tränenkanal“. Tagsüber saßen hier Bettler und Straßenmusikanten. Sie bevölkerten den Gang so sehr, dass die Passanten, für die dieser Weg unumgänglich war, sich hindurch winden mussten und Almosen spendeten, um sich freie Bahn zu erkaufen.
Jetzt war der Tunnel leer. Keine Passanten, keine Almosen; weshalb sollte die Bettlergilde, die Zunft der Straßenfiedler also ihre Zeit hier vergeuden?
Nur in einer Ecke, kurz vor dem Ausgang, der wieder nach oben in die normale Welt des Straßenlebens führte, sah Cathy ein Bündel liegen, langgestreckt. Der Schein der am Tor aufgestellten Laterne beschien ein Gesicht, das sich aus den Lumpen herauszuschälen schien. Sie ließ einen verstohlenen Seitenblick über den Gebrandmarkten, den Ausgestoßenen gleiten und hätte fast aufgeschrien. Sie glaubte in dem Gesicht des Bettlers eine so frappierende Ähnlichkeit mit dem Sals zu erkennen, dass sie sekundenlang versucht war, zu ihm hinzustürzen und sich zu vergewissern, ob er es nicht vielleicht wirklich selber sei.
Gleichzeitig wusste sie, dass er es natürlich nicht war. Dennoch quälte sie der Gedanke, während sie – die Röcke um sich herum zusammenraffend - an dem stöhnenden Stück Elend vorbeihuschte, wie leicht es sei, aus einem Durchschnittsbürger ein Paria zu werden. Sie hoffte, am Strand dem legendären Märchenerzähler zu begegnen, sodass sich der soeben gehabte Eindruck – Sal als Bettler – wieder verflüchtigte. Noch einmal stockte ihr kurz der Fuß. Wie, wenn sie zurückginge und ihm ein paar Schekel in die braun vertrocknete, an einen verdorrten Zweig erinnernde Hand gleiten ließe …?
Doch ehe sie einen Entschluss fassen konnte, hatten ihre Füße sie längst weitergetragen, und nun ging sie Richtung Meer, wo der Wind in ihren Haaren zauste und sie sehnsüchtig des Momentes gedachte, da es Sals Hand gewesen war, der das Gespinst der Locken über ihr Gesicht zog, dass es wie der Vorhang das Allerheiligste verbarg.
Sie machte sich auf die Suche nach dem Strandderwisch und hoffte, er würde nicht so belagert sein, dass es keine Aussicht, an ihn heranzukommen, gab. Aber sie fand ihn gar nicht. Auch andere Menschen waren nicht zu sehen. Sie war allein, und wenn es sie eigentlich auch nach Einsamkeit gelüstet hatte, nun spürte sie doch ein leichtes Frösteln, als erreiche sie der erste Ausläufer oder die Vorhut einer kühlen Brise ...
Sie setzte sich auf einen Felsen und blickte auf das Meer, dessen Wellen unfern ihrer Füße sanft plätschernd und mit leicht schaumigen Zungen den Strand beleckten. Hellblau war das Wasser im Vordergrund, schattierte sich – je ferner es strömte – zum nächtigen Marine und schob sich in den Schutz einer leicht diesigen violetten Gaze, den Horizontstreifen immer mehr in sich einschluckend.
„Es trennte Gott den Himmel von der Erde, die anfangs nur aus Wasser bestand!“ sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und dachte, es sei Sal, der sie hier, wo sie einmal zusammengestanden und sich umschlungen hielten, gefunden hätte. Doch wieder war sie einem Irrtum unterlegen. Außer Sal gab es auch noch andere Menschen auf der Welt.
Dieser hier war ein alter Mann mit weißem, im Wind flatterndem Haar und sehr dunklen Augenbrauen. Er hielt in der Hand einen Stock und stützte sich darauf, als sei er nach langer Wanderschaft ermüdet. Obwohl er Cathy nicht direkt ins Gesicht sah, war ohne Zweifel sie es, mit der er sprach. Weit und breit gab es außer ihnen niemand am abendlichen Strand.
„Ich musste einen sehr langen Weg machen,“ sagte er, „um dich zu finden. Was willst du von mir wissen?“
Sie fragte sich, ob sie wohl richtig gehört habe. Wenn er der Geschichtenerzähler vom Strand war – und wer sonst sollte er wohl sein, da er keinesfalls den Eindruck eines Touristen erweckte – dann hatte sie ihn gesucht, - nicht umgekehrt.
Und wie kam es, dass er sie in der Sprache anredete, die sie verstand, dass er wusste, wo sie herkam und dass er vor allen Dingen annahm, sie würde etwas von ihm wissen wollen? So vieles ging ihr durch den Kopf, Fragen, die sie nicht einmal laut werden ließ, die aber dennoch zu ihm drangen. Er antwortete.
„Wir sind uns heute schon einmal begegnet,“ sagte er, „aber du gingst an mir vorüber und erkanntest mich nicht. Du hast nur die Lumpen gesehen, die ich trage in einer meiner vielen Rollen und Gestalten, die zu verkörpern mir bestimmt sind.“
„Wer bist du?“fragt sie wie träumend, und es kam ihr nicht einmal zum Bewusstsein, dass sie den Mund nicht zu öffnen brauchte. Der Strom ihrer Frage erreichte ihn.
„Ist es wichtig, zu wissen, wer jemand ist?“ fragte er zurück. „Sieh mich an, vielleicht findest du es selbst heraus.
„Erzähl mir eine Geschichte, alter Mann“, murmelte sie. „Eine Geschichte aus der Vergangenheit.“
„Es gibt Menschen“, erwiderte er und sah auf sie herunter, „die sind der Ansicht, man solle das Vergangene ruhen lassen. Aber was wäre die Gegenwart für ein Schloss in den Lüften ohne die Vergangenheit? Eigenartig, dass gerade Menschen, die keine Juden sind, großspurig erklären: für Gewesenes gibt der Jude nichts! Was wissen diese schon vom Juden, dessen Geschick das Wandern ist, seit die Tore des Paradieses sich hinter ihm schlossen. Das Fundament der Gegenwart ist die Vergangenheit. Auf diesem Fundament steht der Mensch bis zum Augenblick seines Todes. Und weißt du, Königin, was die Tragik des Todes ist?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Die Tragik ist“, wiederholte er, „die unbefriedigt bleibende Wissbegierde, wie sich die Zukunft gestaltet, an der man nicht mehr beteiligt sein darf. Es ist der Stillstand im Zeitablauf, vor dem der Sterbende sich fürchte. Der in der Synagoge eingeschlossene Jude, der jämmerlich im Feuer umkommt, weiß zwar um die Tradition des Gewesenen, aber gleichzeitig mit ihm stirbt jede Antwort auf die Frage nach dem, was dann sein wird. Mit jedem einzelnen Menschen stirbt die ganze Welt. Niemand, der tot ist, erfährt, ob der Erdball mit ihm zersprang oder weiter existiert.“ Die Stimme des Alten glitt wie der Ablauf eines Liedes in Cathys Bewusstsein hinein und erfüllte es.
„Sieh auf das Meer“, hörte sie ihn raunen, und sie gehorchte.
Plötzlich befand sie sich inmitten einer murmelnden Schar von weißgewandeten Priestern, die eine Sänfte trugen. Cäsar lehnte darin, das an die Rückwand gestützte mächtige Haupt von einem Lorbeerkranz umwunden. Er hielt die Augen geschlossen und ließ es zu, dass man ihn, der gewohnt gewesen war, Befehle zu erteilen, auf die Bank einer Triere bettete, die ansonsten leer blieb. Das Schiff wurde zu Wasser gelassen. Feuerschein lohte auf, als es klatschend in die Wellen stieß. Es begann zu treiben, wurde von einem Windstoß gepackt und auf die Wogen gehoben. Nun entsann es sich seines Auftrages und mühte sich, zu eilen, um diesem gerecht zu werden.
Der Feuerschein entfernte und verkleinerte sich, je größer die Distanz zwischen Ufer und Triere wurde, als wolle er die Tatsache ausleuchten, dass eine Vergrößerung gleichzeitig die Verminderung bedeutete. Weit draußen, im Dunkel der Nacht schoss eine sprühende Funkenkaskade empor, wie ein Feuerwerk, das euphorisch den samtschwarzen Himmel zu erleuchten versuchte, während es doch gleichzeitig schon zerspritzend herabsank und irgendwo im Dunkel des Wassers verging, als sei es nie gewesen.
Sanft bewegte sich das Wasser im leichten Schlag der Wellen, so wie der Leib einer armenden Frau, in deren Schoß neues Leben wächst, noch von keinem Zweiten wahrgenommen.
„So wird dir einst Cäsar wiedergeboren“, sagte der Alte neben Cathy. „Oder Nero!“
„Nero war ein Mörder, der seine Mutter tötete“, gab sie flüsternd zu bedenken.
„War nicht auch Moses ein Mörder? Hätte Nero alle Christen umgebracht, ginge es heute den Juden vielleicht besser?“ War es Spott, was aus des alten Mannes Stimme in sie einfloß? Oder lag Wahrheit darin?
„Da hast du nun deine Geschichte“, sagte er. „Aber nicht ich habe sie dir erzählt. Sie steckt in dir selber drin, du musst nur auf dein Inneres hören. Dann wirst du auch um die Geschichte von Salomon und seiner Königin erfahren. Er erkannte sie, und sie wurden ein Fleisch. So einfach ist das, und es ist die ganze Geschichte, die gewöhnlichste Liebesgeschichte der Welt. Es kommt nur darauf an, wie sie gesehen und erzählt wird …Gehe hin …, erzähle sie. Was mir möglich ist, trag ich dazu bei. Du musst dich nur öffnen …“
Noch hörte Cathy seine Stimme, dabei war er schon kilometerweit von ihr entfernt. Transparent schien er zu werden, dennoch sah sie ihn, sah sie sein Gesicht, und das war deutlich. „Sal!“ flüsterte sie. „Du bist Sal!“
Von fern hallte seine Stimme in ihr: „Kaiser war ich, Bettler wurde ich. Du aber wirst immer meine Königin bleiben!“
Da sagte sie noch einmal, gleichsam beschwörend, seinen Namen: „Sal!“ Ein Windhauch löste den Klang von ihren Lippen, sehr sanft, sehr behutsam, damit er nicht verloren ging unter der Weite des Himmels. Er hing in der Luft, rollte sich wie ein Vorhang aus, waberte um sie herum, schloss sie in sich ein, kapselte sie ab: sie war eine Eremitin im Felsenloch und Dendritin zugleich, selbst zu einem Blatt am Baum geworden, ununterscheidbar von den anderen und dabei doch nur sie selbst und völlig allein. Als träte die Seele aus der irdischen Materie heraus, würde zu einem dritten Auge, welches nur noch allein fähig und imstande war, zu sehen, während alles andere schlafend verharrte, keiner realen Wahrnehmung fähig.
von Tilly Boesche-Zacharow

Veröffentlicht / Quelle: 
DIE SCHMALE LINIE ZWISCHEN HIMMEL UND WASSER / Novelle (2001)



Mehr hier: http://www.literatpro.de/prosa/tilly-boesche-zacharow/ahasver-der-strandderwisch

#Meeres-Wunder



(Saßnitz)

Das Meer hat seine Wunder,
Und, der Sirene gleich,
Lockt es mit buntem Zauber,
Mit Muscheln farbenreich.

Es lockt mit bunten Tinten
Wie das Chamäleon;
Bald prangt’s in Lapis-Bläue,
Bald in smaragd’nem Ton,

Dort färbt die lichte Sonne
In Gold der Wellen Lauf,
Das löst sich vorn am Strande
In Silberkräuseln auf.

Und, sinkt die Sonne nieder,
Dann blitzt das Firmament
Dort unten im Meeresspiegel,
Als ob es feurig brennt.

Und wie sich nun die Sonne
Allmählich niedersenkt,
Sich wie auf der Palette
Rasch Farb’ an Farbe drängt.

Hier mattes Rot der Rose,
Dort klarer Amethyst,
Dort Grün von zartem Moose
Im Farbenspiel sich küsst,

Bis gang die Sonn’ entschwunden,
Mit ihr die bunte Schau,
Bis weithin Strand und Wogen
Umhüllt ein tiefes Grau,

Bis wieder neu am Morgen
Helios die Fackel schwingt,
Und wieder buntes Leben
Auf weitem Meere blinkt.


Hugo Lissauer
 *1840 †1910



Wo ist das Tor zur #Freiheit?





Mauern, Wände ohne Ende,
mir den graden Weg verbauen.
Zu meinem Schutz, vor Dreck und Schmutz,
sagt man mir, kam ich dem trauen?

Wem soll’s nützen, will man sich schützen.
Vor mir, das ich den wahren Zweck nicht sehe.
Will mich beirren, mich verwirren,
damit ich die Absicht nicht verstehe?

Ich habe den Verdacht, es geht hier nur um Macht,
und werde in im Leben nicht mehr los.
Das gefährliche Treiben, es wird so bleiben,
legt man die Hände in den Schoss.

Man muss sich wehren, nicht nur beschweren,
um endlich wieder frei zu sein.
Bleibt´s auch dabei, die Gedanken sind frei,
Ist es doch Freiheit nur zum Schein!

"Bruno"